Achtsamkeit sieht sich gerade auch immer wieder dem Vorwurf ausgesetzt ein weiteres Tool der Selbstoptimierung zu sein, einer neoliberalen Logik zu folgen. Einer Logik, die die Verantwortung des Managements, den Subjekten selbst auferlegt. Strukturelle Missstände werden abgewälzt auf die Verantwortung des Individuums.

Im Kontext von Mutterschaft heisst das: Wenn du dich als Mama gestresst fühlst, hast du selbst Schuld. Dann hast du einfach nicht genug getan. Nicht genug an dir gearbeitet. Nicht genug geatmet. Oder vielleicht auch falsch geatmet. Mit anderen Worten: Du hast dich einfach nicht gut genug um dich selbst gekümmert.

Und ja, diese Kritik ist berechtigt. In der Persönlichkeitsentwicklung- Spiritualität-Coaching-Welt wird genau das häufig suggeriert. Wenn du mit deinem Business noch nicht die Millionenumsätze hast, blockieren dich Glaubenssätze. Wenn du immer noch nicht ausreichend Follower für deine Message hast, hast du selbst ein Problem mit Sichtbarkeit, wenn du nicht ausserordentlich wächst, hast du einfach nicht gut genug manifestiert. Der ohnehin große Druck etwas „leisten“ zu müssen, wird zum Schuld-Komplex: „Ich habe versagt.“

Dabei geht damit genau das verloren, was eigentlich Ursprung von Achtsamkeit und auch anderen spirituellen Praktiken ist: Die Orientierung nach Innen, das Loslassen von Erwartungen im Aussen, die Verbindung zu unserem Inneren, jenseits von Leistungsgedanken.

Das Problem ist also nicht die Achtsamkeit an sich, sondern vielmehr die Vereinnahmung von Achtsamkeit und auch anderer spirituellen Praktiken durch den Neoliberalismus. Achtsamkeit lässt sich gut vermarkten. Bilder mit Wasserfällen, gestapelten Steinen, Bergpanoramen finden Einzug in Wohnungen, Arztpraxen und Coachingräume. Teure Apps versprechen Hilfe und Unterstützung beim „Über sich Hinauswachsen.“ Bequeme Stoffhosen und T-Shirts mit: „Just breathe“ werden als „Soul-Wear“ zum Verkaufsschlager. Retreats werden zum Luxus-Ausstieg aus dem Alltag. Der Markt hat das Bedürfnis nach Stille erkannt und in absetzbare Produkte verwandelt. Achtsamkeit wird zur Ware. Aber auch das Subjekt wird zum Unternehmer seiner Selbst, wie bereits der französische Philosoph Michel Foucault in seinen Arbeiten der 1970er konstatiert hat.

Selbstoptimierung als Dauerzustand

Die Verantwortung vom System wird zum Individuum verlagert. Wenn ich gestresst bin, liegt das nicht an fehlenden Pausen-Zeiten, zu vielen Aufgaben, zu wenig Personal, sondern daran, dass ich nicht am Resilienz-Kurs teilgenommen hab. Wenn ich im Burnout lande, habe ich versagt, denn ich habe nicht genug an meiner mentalen Gesundheit gearbeitet. Ich bin dafür verantwortlich meinen Marktwert zur erhalten. Meine Belastbarkeit wird zum Kapital.

Wenn Eltern also durchdrehen, hat das absolut nichts mit dem System zu tun. Betreuung durch Hebammen? Überbewertet – schließlich gibt es YouTube-Tutorials. Ausreichend Kita-Plätze, die bezahlbar sind und entwicklungspsychologische Mindeststandards erfüllen? Wozu? Können die Eltern mit etwas mehr „Quality time“ innerhalb der Familie ausgleichen. Unterstützung für Alleinerziehende? Brauchen wir nicht. Das können private Netzwerk managen! Bessere Rahmenbedingungen, um Care-Arbeit gerechter zu verteilen? Wieso? Wer wegen der Kürzungen beim Elterngeld oder der starren Steuerklassen doch wieder ins alte Rollenmodell rutscht, hat in der Partnerschaft nicht gut genug kommuniziert. Wenn die Burnout-Rate steigt, liegt das nicht an Kürzungen im Sozialsystem, sondern schlicht an mangelnder Resilienz. Wer erschöpft ist, ist selbst schuld.

Dass die neoliberale Logik auch in den Bereich der Elternschaft vorgedrungen ist, sollte nicht überraschen. Sie macht aus Erziehung ein Managment-Projekt, aus Eltern Unternehmen, die effizienter werden müssen. Ihr größter Coup besteht ja genau darin, Achtsamkeit umzudeuten: Alles, was eigentlich der Befreiung dienen könnte, wird in den Verwertungsprozess hineingezogen. Was heißt das denn nun? Ist dann nicht sowieso alles egal? Können wir uns dann nicht einfach unserem kapitalistischen Schicksal ergeben und unser Leben genießen?

Ja natürlich. Tun ja auch viele. Aber die ursprüngliche Idee der Achtsamkeit ist eine ganz andere. Und genau hier liegt ihr stilles, fast schon subversives Potential: Sie weigert sich, nützlich zu sein.

Achtsamkeit als Unterbrechung

In ihrer ursprünglichen Bedeutung ist Achtsamkeit keine Technik zur Leistungssteigerung, sondern eine bewusste Störung des Betriebsablaufs. Ein Innehalten. Ein Wahrnehmen dessen, was ist – ohne es sofort in die nächste To-Do-Liste einzusortieren, zu bewerten oder für den nächsten Tag zu optimieren. Wenn ich im größten Stress der Kita-Absage kurz Innehalte, um den Stress wahrzunehmen, anstatt mich für meine mangelnde Gelassenheit selbst zu verurteilen, unterbreche ich damit die neoliberale Struktur der Selbstbeschuldigung.

Durch Achtsamkeit können wir auf den Pauseknopf drücken, in einem System, das permanent auf Beschleunigung, Verwertbarkeit und (Selbst)Optimierung beruht. Das nicht möchte, dass wir Innehalten. Das möchte, dass wir Erschöpfungen übergehen, Grenzen ignorieren, weitermachen, im System funktionieren.

Achtsamkeit aber macht etwas anderes. Sie fragt:

Wie geht es mir gerade?
Wie fühlt es sich an?
Was nehme ich wahr?

Das Innehalten wird zur Rückverbindung mit uns selbst. Zur Innenschau. Und genau hierin widersetzt sie sich einer gesellschaftlichen Norm, deren Blick nach aussen gerichtet ist: Auf Erwartungen, Anforderungen und Bewertungen.

Achtsamkeitsmeditationen entziehen sich der Verwertungslogik. Momente, in denen nichts sein muss. Nichts irgendwo hinführen soll. Nichts zu erreichen ist. Nicht einmal die Entspannung (auch wenn das oft angenommen wird.)

Achtsamkeit im ursprünglichen Sinne verkörpert demnach das Gegenteil des Neoliberalismus: die totale Unverwertbarkeit.

Sie ist widerständig, weil sie hilft Emotionen besser wahrzunehmen. Grenzen zu spüren. Leistungsansprüche in Frage zu stellen. Weil sie hilft, uns selbst mit Mitgefühl zu begegnen, wenn wir vermeintlich „scheitern“. Sie fördert die Verbindung zu uns selbst, und zu anderen. Und dies nicht als Leistungssteigerung, sondern als geteilte Menschlichkeit.

Achtsamkeit hilft, aus der Optimierungsfalle zu entfliehen. Sie stärkt unsere Selbstwirksamkeit und lässt uns Systeme hinterfragen.

Besonders im Kontext von Elternschaft ist das relevant. Denn Achtsamkeit kann helfen:

  • zu spüren, dass der eigene Anspruch nicht der eigene ist
  • zu merken, dass Erschöpfung da ist, aber kein persönliches Versagen ist
  • wahrzunehmen, wo Grenzen immer wieder überschritten werden
  • sich selbst, jenseits von Erwartungserfüllung, wichtig zu nehmen

Das verändert nicht sofort die Strukturen, aber die Grundlage aus der wir Ihnen begegnen. Und das ist politisch.

Achtsamkeit ist kein Ersatz für strukturelle Veränderung – aber ihr möglicher Anfang

Achtsamkeit wird patriarchale Strukturen nicht abschaffen. Sie ersetzt keinen Feminismus, keine Care-Revolution und keine politischen Kämpfe. Aber sie kann ihre Grundlage sein.

Denn wenn wir fühlen, dass etwas schief läuft, fangen wir an Fragen zu stellen. Wenn wir merken, dass wir übergangen werden, fangen wir an Grenzen zu setzen. Wenn wir erkennen, dass wir nicht gehört werden, fangen wir an laut zu werden.

Achtsamkeit ist dann keine Anpassung.

Sondern ein beharrlicher Widerstand.